Pressetext der Galerie "Art im Tal" zur Austellung

WABI SABI                                   GISELA KETTNER                       2011

Fragt man einen Japaner nach WABI-SABI, folgt eine lange Stille. Fragt man einen Westeuropäer , wo immer, die Antwort wird oft schnell und sicher sein. WABI- SAB ist ein Konzept der Wahrnehmung von Schönheit, eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden.

Der Begriff WABI SABI wurde im 16. Jahrhundert von dem japanischen Tee-Meister und Zen-Mönch SEN NO RIKYU SAN eingeführt. Die japanische Denkweise war aber bereits im 12. Jahrhundert weit verbreitet.

Der junge Sen no Rikyu war begierig darauf, alles über die Kunst des WABI SABI zu lernen, und wandte sich an Meister TAKENO JO-O. Der Meister wollte prüfen, ob Rikyu für diesen Weg geeignet sei, und schickte ihn in seinen Garten, um dort mit dem Rechen für Ordnung zu sorgen. Rikyu machte sich sogleich eifrig ans Werk und arbeitete den ganzen Tag unter den Augen des Meisters. Als er seine Arbeit beendet hatte, betrachtete er sein Werk: Alles war sauber und makellos. Doch irgendetwas stimmte noch nicht, da lief Rikyu zum Kirschbaum, der voller Blüten stand, und schüttelte ihn, sodass vier oder fünf Blütenblätter herabfielen und sanft zu Boden glitten. Da wusste Jo-o, dass Rikyu dem Teeweg alle Ehre machen würde, und hieß ihn als Schüler willkommen.

WABI-SABI ist eine Art, Dinge wahrzunehmen.
Die japanische Philosophie der Bescheidenheit.

INDIVIDUALITÄT, NATÜRLICHKEIT, UNVOLLKOMMENHEIT

machen die Dinge unverwechselbar und einzigartig. Das Besondere im Unvollkommenen zu finden. Die Schönheit der Vergänglichkeit. Wenn ein Objekt oder ein Ausdruck in uns ein Gefühl der tiefen Melancholie und eines spirituellen Sehens hervorruft, dann kann man sagen, dieses Objekt sei WABI-SABI.

Es nährt alles, was authentisch ist, da es drei einfache Wahrheiten anerkennt :

- NICHTS BLEIBT
- NICHTS IST ABGESCHLOSSEN
- NICHTS IST PERFEKT

Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie. Halte die Dinge sauber und unbelastet, aber lasse sie nicht steril werden. WABI- SABI lädt den Betrachter ein, die Schönheit des Unauffälligen und leicht zu übersehenden wahrzunehmen.

WABI:
bedeutet wörtlich Armut, allerdings nicht im Sinne eines schmerzhaft empfundenen Mangels, sondern im Sinne von Einfachheit und Schnörkellosigkeit.
WABI:
ist der Verzicht auf materiellen Reichtum, zugunsten einer verstärkten Beziehung zur Natur und Realität.
WABI :
sich elend, einsam und verloren fühlen. Dies wandelte sich zur Freude an der Herbheit des Einsam-Stillen. Aber erst in der Verbindung mit SABI: alt sein, Patina zeigen, über Reife verfügen, entstand die eigentliche nicht übersetzbare Begriffseinheit.

SABI:
bedeutet wörtlich Einsamkeit; auf Objekte bezogen steht der Begriff aber vor allem für die Vergänglichkeit, den Kreislauf von Werden und Vergehen. Ein Sabi-Objekt ist von natürlichen Prozessen gestaltet, unregelmäßig, unauffällig und oft zweideutig.

Zusammen ergeben WABI und SABI das Prinzip der Ästetik des Unauffälligen. Es ist die Schönheit des Unperfekten, Unvollstän-digen, Wandelbaren. WABI-SABI-OBJEKTE strahlen eine stille Präsenz und Wahrhaftigkeit aus.

Ein Künstler der sich nach dem WABI- SABI- Prinzip orientiert benötigt ganz andere Eigenschaften, als die, welche von unserem westlichen Kunstverständnis her vertraut sind. Dabei wirkt das Objekt, auch wenn es vom Künstler geschaffen wurde so, als sei es durch natürliche Prozesse entstanden. Ein weiterer wichtiger Unterschied, zwischen unserer westlichen und der WABI- SABI Auffassung, liegt in der Kontrolle des Gestaltungprozesses. Unsere Kultur, unser Denken und unser Sinn für Schönheit hat seine Wurzeln im griechischen Weltbild der Antike, welches sich nach einem extremen Streben nach Perfektion ausrichtet. Diese Perfektion orientiert sich an einem Idealbild, welches nichts mit der realen Natur zu tun hat, sondern ein geistiges Konstrukt ist. Dinge wie Sym-metrien , ausgewogene Proportionen, Regelmäßigkeit , Klarheit, Glattheit, Dauerhaftigkeit existieren ja im Grunde genommen nur als Ideen und die Werke, die nach solchen Ideen gestaltet werden, idealisieren die Wirklichkeit, schaffen eine Gegenwelt zum Natürlichen, Unkontrollierbaren. Der westliche Künstler wird so zu einem Schöpfer, der geistige Inhalte ins Materielle übersetzt. Dabei ist die strikte Kontrolle des Materiellen Voraussetzung, denn sonst würden die natürlichen Prozesse, denen alles unterliegt, diese geistigen Ideale stören und verwischen.

Die WABI- SABI Haltung ist genau umgekehrt. Nicht die Ideen über die Dinge sind es, die dargestellt werden, sondern die Dinge selbst und die lebendige Kraft, die sie geformt hat, durch die Hand des Künstlers. Die WABI-SABI-Kunst ist nie prototypisch, der Künstler versucht möglichst wenig Kontrolle über den Gestaltungprozess auszuüben. Dies scheint in unserem Denken ein großer Widerspruch zu sein, Gestaltung ist bei uns fast unverrückbar mit Kontrolle verbunden.

Der WABI-SABI- Künstler versucht jedoch, nicht an das Endprodukt dieses Gestaltungsprozesses zu denken. Er befreit sich von seiner inneren Vorstellung und lässt zu, dass seine Hände und sein Geist direkt von seiner Intuition geführt werden, dass er selber ein Teil jener Naturkraft wird, welche die Wirklichkeit formt.

Die Schulung unserer Wahrnehmungsfähigkeit kann uns dazu bringen, unsere Wahrnehmungen  zu prüfen, nicht immer gleich in Kategorien von gut und schlecht, hässlich und schön u.s.w. zu denken. Es fällt uns schwer, etwas einfach geschehen zu lassen ohne einzugreifen , es nach unseren Idealvorstellungen ändern zu wollen.

Wir müssen keine Wertung dieser verschiedenen Kulturen vorneh-men, beide haben ihre Bedeutung und Wahrheit. Aber es ist aus-gesprochen bereichernd, sich mit dieser so ganz anderen Auffassung zu beschäftigen und ihr nachzuspüren. Nicht die offenkundige Schönheit ist das Höchste, sondern die verhüllte. Nicht der unmittelbare Glanz der Sonne, sondern der gebrochene des Mondes. Es geht um die Hoheit, die sich in der Hülle des Unscheinbaren verhüllt verbirgt, die herbe  Schlichtheit, die dem Verstehenden doch alle Reize des Schönen offenbart:

Die knochige Kiefer,
der leicht verrostete Teekessel,
der bemooste Felsen,
das grasbewachsene Strohdach.